Arbeitsgruppe 4:
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Zusammenarbeit von Schwulenverbänden und der PolizeiEs wurde grundsätzlich festgestellt, dass immer noch häufig ein gestörtes Verhältnis zwischen der Polizei und der schwulen Szene besteht. Es sei sehr viel mehr Vertrauen in die Polizei nötig. Die gegenwärtige Situation ist von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich. Nicht zuletzt ist wohl die Farbe der Politik mitausschlaggebend. Während z. B. in Nordrhein-Westfalen, und ganz besonders in Köln, ein guter Kontakt zur schwulen Szene besteht, ist er in Bayern (Beispiel München) sehr dürftig. Nach anfänglicher Begeisterung wurde dort die Zusammenarbeit von Seiten der Schwulen sogar teilweise blockiert. Zur Zeit wird jedoch von beiden Seiten auf eine Verbesserung des Kontaktes hingearbeitet. Hinderlich ist dabei aber, dass Schwule in Bayern immer noch nicht als relevante gesellschaftliche Gruppe gesehen werden. Ein Vertreter der Kölner Polizei merkte an, dass der gute Kontakte zwischen Polizei und Vertretern von Schwulenverbänden schon seit längerer Zeit besteht. Aufgrund der Stellung Kölns als Schwulenmetropole war eine entsprechend große schwule Basis vorhanden. Mit den richtigen Leuten ins Gespräch zu kommen, war zwar auch zuerst schwierig, geholfen haben aber vertrauensfördernde Maßnahmen, so z. B. die Klärung der Thematik „Rosa Listen". Der Kontakt musste von Seiten der Polizei offensiv gesucht werden. Bedeutsam dabei war zum einen das Ansprechen und Miteinbinden strategisch wichtiger Personen (Politiker, berühmte Schwule), zum anderen das Pflegen zwischenmenschlicher Beziehungen, da das Verhältnis zueinander sich auch auf emotionaler Ebene abspiele. Dennoch blieben Zeichen für divergierende Handlungsziele nicht verborgen. So taten sich einige (wenige?) Mitarbeiter bei den schwulen Überfalltelefonen schwer bei der Zusammenarbeit mit der Polizei. Sie sahen ihre Aufgabe mehr in der Traumabekämpfung und Begleitung der Opfer als in der Mithilfe der Strafverfolgung. Andere wiederum meldeten von sich aus Vorfälle, wenn auch natürlich anonymisiert. Nicht vergessen werden darf auch der konkrete Umgang
miteinander, z. B. auf der Wache anlässlich einer Anzeige. Es ist
darauf zu achten, wie der Beamte vor Ort mit Schwulen umgeht. Hier muss
die Polizei ein positives Bild von sich zeichnen. Es muss deutlich
werden, dass Polizisten glaubwürdig sind und ihre Arbeit gut machen.
Ein helfende, mitmenschliche Behandlung muss natürlich Zielvorgabe für
alle Opfer sein, nicht nur für Schwule, aber auch für sie. |
Information von Seiten der Polizei, gemeinsame AktionenEs wurde eine größere und intensivere Öffentlichkeitsarbeit von Seiten der Polizei gefordert, unter Umständen durch den Einsatz von modernen Medien. Das Internet z. B. ermöglicht eine leichte und anonyme Informationsbeschaffung und erreicht damit besonders die Personen, die nicht offen schwul leben. Die Verbreitung von Kriminalitätsangst soll jedoch vermieden werden. In Nordrhein-Westfalen existiert bereits ein zweiteiliger Radiospot, der von interessierten Dienststellen angefordert werden kann. Er ist jedoch weniger geeignet, um ihn einfach wie ein Werbejingle an Radiosender weiterzugeben, sondern er bedarf einer Rahmensendung, z. B. in Form eines Interviews über antischwule Gewalt o. ä. In der Entwicklung ist weiterhin eine spezielle Kinowerbung. Bei allen Aktionen ist zu beachten, dass sie, um optimal organisiert werden zu können, zentral gesteuert werden müssen. Es ist darüber hinaus jedoch unabdingbar, dass sie von allen Ebenen mitgetragen werden. Gerügt wurde das negative Beispiel eines Behördenleiters, der eine entsprechende zentrale Aktion für seinen Bereich verbot. In diesem Zusammenhang wurde auch das manchmal an der „Basis" zu findende mangelnde Problembewusstsein angesprochen. Eine entsprechende Fortbildung ist hier dringend nötig. Man kann natürlich nicht mit einer einzigen Veranstaltung jahrzehntelange Einstellungen ändern. Uneinsichtige „Betonköpfe" haben einen gewissen Einfluss innerhalb der Dynamik ihrer Dienstgruppe. Aber auch dort könnte eine, wenn auch sehr spezielle Schulung, hilfreich sein. In Bayern wurde das zu niedrige Budget für
entsprechende Aktionen bemängelt. Diese können meist nur dann
durchgeführt werden, wenn ein Sponsor gefunden werden kann. Die zur
Zeit erhältlichen Faltblätter sind aufgrund ihres simplen und damit
unattraktiven Erscheinungsbildes nicht geeignet, große Resonanz
hervorzubringen. |
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Positiv geschildert wurde die in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Großaktion zur Senkung der antischwulen Gewalt. Durch sie sei man einen großen Schritt vorangekommen. Dabei darf jedoch nicht unbeachtet bleiben, dass sie von der obersten politischen Ebene mitgetragen wurde. Die Konzeptionierung und Durchführung wurde wesentlich vereinfacht, da eine derartige Aktion Bestandteil der Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Landesregierung war. Angesprochen wurde in diesem Zusammenhang, dass es wünschenswert wäre, wenn gesetzliche Rahmenbedingungen bundesweit geschaffen würden. Besonders für Aktionen vor Ort kann es hilfreich sein, sich als Polizei in schon bestehende Projekte anderer Gruppen, wie z. B. der AIDS - Hilfe, einzuklinken. In München finden z. B. Überlegungen statt, sich mit einem eigenen Wagen am dortigen Christopher-Street-Day (CSD) zu beteiligen. Konträr diskutiert wurde das Problem der Eigenmächtigkeit. Inwieweit dürfen z. B. Polizisten ohne vorherige (Einzel-)Genehmigung ihres Vorgesetzten zu Präventionszwecken schwule Lokalitäten aufsuchen? Die mehrheitlich vertretene Ansicht war, dass solche „Alleingänge" sowohl der eigenen Person als auch der Sache selbst schadeten. Es ist zwar nicht verboten, privat in entsprechende Lokale zu gehen, macht man dies aber offiziell als Polizist, ist man Vertreter der Behörde. Würde dies dann noch zufällig durch die Presse negativ aufgenommen, könne es fatale Folgen haben. Andere verlangten in dieser Hinsicht mehr Mut und Eigeninitiative. Die gesamte Problematik wurde darauf zurückgeführt, dass die Stellung der Kontaktperson innerhalb der eigenen Behörde und ihre Kompetenzen oft nicht genügend definiert sind. Bei allen Aktionen kommt den Medien eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Die Polizei soll davon profitieren, dass sie im allgemeinen bessere Kontakte zur örtlichen Presse hat als die Schwulenverbände. Eine gute Idee ist es, einen Bericht über eine aktuelle antischwule Straftat in der örtlichen Tageszeitung zum Aufhänger für die Prävention zu machen. Auf diese Weise werden auch die nicht offen lebenden Schwulen erreicht, die keine Szeneblätter lesen. Betont wurde, dass auch der Minderheitenschutz (neben
der Strafverfolgung) originäre Aufgabe der Polizei ist. Dabei kann sie
natürlich nur ein Stein im Mosaik sein. |
Intensität der AktionenEs wurde von verschiedenen Seiten die These formuliert, dass bei Überbetonung und ständiger Wiederholung einer Thematik, z. B. Gewalt gegen Schwule, die Öffentlichkeit das Thema mit der Zeit nicht mehr hören kann und die Leute mit Desinteresse reagieren. Parallelen wurden gesehen in den Aktionen der AIDS-Prävention oder beim Gedenken an den Holocaust. Die entsprechenden Themen werden einige Male im Jahr an bestimmten Tagen bis zum Überdruss in den Medien dargestellt, in der übrigen Zeit aber von der Öffentlichkeit mehr oder weniger ignoriert. Es kam der Vorschlag, keine großen Kampagnen mehr durchzuführen, sondern auf subtilere Methoden auszuweichen. Diesem Vorschlag wurde heftig widersprochen: Gäbe es die punktuellen Aktionen nicht, geriete alles nur noch mehr in Vergessenheit. Man solle große Aktionen als Aufhänger benutzen, welche die Menschen aufrüttelten. Danach müsse die Thematik am „köcheln" gehalten werden, um einer Ermüdung vorzubeugen. Opfer- oder täterorientierte Aktionen?Es wurde versucht, die Opfer antischwuler Gewalt zu
typisieren und ihre Handlungsmotive zu ergründen. Es können drei
Gruppen unterschieden werden: Den Mitglieder der zweiten Gruppe wurden einem
Vorschlag entsprechend der (nicht diskriminierend gemeinte) Titel „Schrankschwule"
gegeben (herkommend von dem Schrank, in welchem sie die Accessoires
ihres schwulen Lebens wie Kleidung, Literatur oder „Toys"
wegschließen). Es handelt sich dabei um nicht geoutete Personen, welche
ihr Schwulsein verbergen wollen, weil sie z. B. verheiratet sind oder in
exponierter beruflicher oder gesellschaftlicher Stellung stehen. Ihre
Grundmotivation besteht darin, ihr Schwulsein nicht bekannt werden zu
lassen, dies hat für sie höchste Priorität. Sie werden Straftaten in
der Regel nicht zur Anzeige bringen oder, falls sich dies nicht
vermeiden lässt, nicht angeben, dass die Tat einen antischwulen
Hintergrund hat. |
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Die Angehörigen der dritten Gruppe erhielten in Anlehnung an einen Buchtitel entliehene Bezeichnung „Schwule in ihrer schönen schwulen heilen Welt". Sie haben ihr Schwulsein akzeptiert und sich in ihrer eigenen Welt eingerichtet, in der sie nicht mehr mit Problemen konfrontiert werden wollen, die auf ihr Schwulsein zurückzuführen sind. Sie verdrängen oder verleugnen oft antischwule Gewalt generell. Betrachtet man diese Gruppen als Adressaten für sogenannte opferorientierte Präventionsmaßnahmen, wird deutlich, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit Mitglieder der ersten Gruppe solche Aktionen nicht mehr nötig haben, die Personen der zweiten Gruppe die Ratschläge nicht befolgen werden, da damit eine Offenlegung ihrer sexuellen Ausrichtung erfolgen könnte, und die Angehörigen der dritten Gruppe mehr oder weniger mit Desinteresse reagieren werden („Was kann mir schon passieren?" oder „Was bringt mir eine Anzeige schon?"). Als Vorschlag, der ein breites Echo fand, wurde angeregt, zukünftig mehr Aktionen täterorientiert durchzuführen, wie dies z. B. schon beim Projekt „Gewalt an der Schule" mit Hilfe von Selbstbehauptungstrainings etc. realisiert wurde. Als herausragende Vorteile einer solchen Methode wurden genannt:
Die Teilnehmer vertraten die generelle Meinung, dass solche täterorientierten Aktionen besonders fruchtbar und auch einfacher durchführbar sind, wenn sie nicht nur von der Polizei alleine getragen werden, sondern in Kooperation mit anderen Organisationen wie den Schulen, den Kirchen, den Verbänden der Opfer- und Täterhilfe und anderen sozialen Einrichtungen.
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