Podiumsdiskussion:
Erfassung von antischwuler Gewalt in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)

Podium:

Michael Baurmann

Bundeskriminalamt

 

Heinz Uth

Ehemaliger Ansprechpartner für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen in Berlin

Georg Kriener

Landeskriminalamt NRW

Moderation:

Günter Dworek

Mitarbeiter im Bundestag bei Bündnis 90/Die Grünen

Protokoll:
 

Volker Streiter

Kriener: 

Die Kriminalstatistik soll im sog. "INPOL-Neu" erneuert werden.
Eine Erfassung des Merkmals "Homosexualität" im Rahmen des Opferschutzes wäre möglich.
Mit einer Einführung wird nicht vor 2005 gerechnet.

Baurmann: 

Die Betroffenengruppen" forderten, Homosexuelle als Opfer zu erfassen.
INPOL-Neu wird die PKS automatisieren.
Im Arbeitsfeld "besonders gefährliche Lebensweisen" in der Erfassung wird dies mit "Taxifahrer, Polizeibeamter, Homosexueller" definiert.
Polizeibeamte sollen nicht die Opfer befragen. Aber! Auch die Vermutung reicht nicht. Das Opfer muss das Kriterium "Homosexualität" selbst angeben.
PKS bisher:
Opfer und Täterfeld können nicht verknüpft werden. Eine Abfrage nach Einzelheiten (Alter, Nationalität etc.) zum Täter ist nicht möglich. So ist z.B. das Opfer ein Ausländer, aber wer ist der Täter?
INPOL-Neu:
Hier soll eine Verknüpfung der Felder Opfer und Täter anonym möglich sein.

Kriener:

Wo liegt der Sinn, was wird erreicht?
Positiv: scheinbar wird das Hellfeld fassbar, das Ausmaß der Straftat wird scheinbar klar.
ABER: Die Angabe "homosexuell" ist freiwillig. Daher kann mit einem kleinen Hellfeld gerechnet werden, die Aussagekraft ist also gering.
Negativ: Polizisten neigen dazu, Formulare ganz abzufragen.
Hier besteht die Gefahr, das doch jemand über seine Homosexualität befragt wird, obwohl diese Angabe nicht abgefragt und freiwillig gemacht werden soll. Hier kann Vertrauen verspielt werden, INPOL-Neu kann verschrecken.

Resümee :

Wir lassen INPOL-Neu im Bezug auf homophobe Gewaltdelikte. Der Schaden am gewonnen Vertrauen wäre zu groß.

Uth:

Dem schließt er sich an.
Im Übrigen, was ist Gewalt, was ist antihomosexuelle Gewalt? 
Diese Begriffe sind kaum greifbar.
In den 80iger Jahren arbeitete man mit einer Dunkelziffer von 1:10 bezüglich einer angezeigten antischwulen Straftat.
Heute würde er nicht mehr mit Zahlen arbeiten.
Betroffenheit wird vielmehr mit Einzelschicksalen erzeugt.
Die Schwulenbewegung hat das meiste ohne Zahlen erreicht

Baurmann:

Die PKS hat ein Dunkelfeld von 1: 6-7 .
Somit ist sie wissenschaftlich nicht verwertbar.
Die PKS fördert auch die Angst vor Kriminalität.
Eine wissenschaftliche Dunkelfelderforschung zum Thema Gewalt gegen Homosexuelle hätte eine bessere, auswertbarere Aussagekraft. Das BKA hat z.Zt. keine Leute für eine genaue Dunkelfeldforschung.

Resümee:

Zahlen allein besagen nichts.
Die Darstellung des Dramas eines Gewaltaktes ist immer ein Einzelfall.
Nur eine wissenschaftliche Dunkelfeldforschung schafft Erkenntnisse.

Dworek:

Soll eine Statistik wie in den USA zu sog. Ha-Verbrechen (u.a. gegen Rasse, Religion, sexuelle Orientierung ) geführt werden?

Baurmann:

Das Agieren mit Fallbeispielen ist taktisch gesehen besser.
Das Arbeiten mit Zahlen kann zu Fehlschlüssen führen.

Kriener:

Beispiel "Kriminalität an Schulen"
Hier sagt die PKS, da es dieses Problem nicht gibt, es gibt keine Täter.
Das Land Niedersachsen hat dies erforscht mit dem Ergebnis, da es sehr wohl Probleme und auch Täter gibt.
Ähnlich wie mit dem Thema Gewalt an Schulen/ PKS sieht es mit dem sexuellen Missbrauch und der Misshandlung von Kindern aus.
Zahlen allein können ein Bumerang auch für die Prävention werden. Denn wo geringe Zahlen vorliegen und die PKS nichts aussagt, scheint auch kein Problem zu liegen. Damit könnten Mittel beschränkt werden.

Anregung:

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) solle die Forderung nach Aufnahme des Kriteriums "Homosexualität" in die PKS zurückziehen.

Jens Dobler (LSVD):

In Gesprächen mit Polizeiführern wird immer wieder deutlich, da Einzelfälle nicht helfen, die Polizei will Zahlen. Die Höhe der Fälle ist wichtig, um von der Polizei Ansprechpartner, Fortbildung etc. zu fordern. Die Polizei akzeptiert außerdem keine anderen als die eigenen Zahlen. Die Zahlen des LSVD (über das Überfalltelefon gesammelt z.B.) werden nicht akzeptiert.

Baurmann:

Das BKA nimmt selbstverständlich andere Zahlen auf.

Klaus Thiele (KKV): 

Die Senioren z.B. sind als Fallzahlen völlig unterrepräsentiert. Trotzdem haben sie die meiste Angst.
Reaktion der Polizei: Der Mensch steht im Vordergrund, die Polizei tut gerade auch in diesem Bereich etwas, ohne statistische Notwendigkeit.

Anmerkung: Der (L)SVD hatte in den achtziger Jahren beim Bundesinnenministerium die Speicherung antischwuler Gewalttäter gefordert, wie es in ähnlicher Weise auch bei antisemitischen oder ausländerfeindlichen Straftaten geschieht. Daraus wurde abgeleitet, der LSVD fordere eine Registrierung in der PKS. Das ist nicht der Fall.

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URL: http://www.lsvd.de/polizei/diskussion.html
Letztes Update: 20. April 2000
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