|
Damit sind wir mitten in meinem Thema. Die Freiheit, im eigenen Arbeitsumfeld über die eigene sexuelle Disposition ungestraft reden zu dürfen, von einer schönen Fete mit dem gleichgeschlechtlichen Freund oder von Beziehungsproblemen mit der gleichgeschlechtlichten Freundin ebenso erzählen zu können wie von der Ehefrau oder den Kindern, ist die minimale Voraussetzung für eine Organisation oder Institution, die glaubwürdig einen Beitrag zum Thema der antischwulen Gewalt beitragen möchte. Die Arbeitsgemeinschaft lesbischer und schwuler Polizeibeamter ist nicht etwa ein Beleg für ein entsprechendes Klima in der Organisation Polizei, sondern nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Lesbische oder schwule Kollegen sind hier nicht das Problem. Die Intoleranz geht ausschließlich von heterosexuellen Kollegen aus, die ihre sexuelle Disposition unter Berufung auf Werte wie Moral, Ethik, Religion und Menschenwürde als die einzig mögliche und akzeptable ansehen. Prävention bedeutet in diesem Fall nicht in erster Linie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen oder Vereinen, sondern die Arbeit in der eigenen Organisation, mit dem Ziel das gewünschte und erforderliche Klima der Toleranz in dem jeweiligen Arbeitsumfeld zu schaffen. Kenneth Galbraith, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Deutschland, hat in seinem Buch "Anatomie der Macht" den Wirkungszusammenhang beschrieben, der zwischen der Erfahrung eines Angehörigen einer Organisation bezüglich der Frage besteht, wie die Organisation mit ihm oder anderen Organisationsangehörigen umgeht und dem eigenen Verhalten im Umgang mit Personen außerhalb der Organisation. Je rigider eine Organisation geführt wird, desto größer ist die Gefahr, dass die Organisationsangehörigen analog mit Personen außerhalb der Organisation umgehen. Dies ist auf viele Lebensbereiche übertragbar. Kommen wir nicht zu einem toleranten - vielleicht noch besser zu einem selbstverständlichen Umgang mit lesbischen und schwulen Kollegen - können wir nicht erwarten, dass die Message der Toleranz glaubwürdig dem Bürger unseres Landes vermittelt werden kann. Mit der Arbeit in der eigenen
Organisation haben wir begonnen. Neben Dienstbesprechungen
auf den unterschiedlichsten hierarchischen Ebenen wurden in
verschiedenen Behörden Ansprechpartner für
gleichgeschlechtliche Lebensformen benannt, die unter
anderem die Aufgabe haben, auch lesbische oder schwule
Polizeibeamte in Problemlagen zu unterstützen und ihnen
als Ansprechpartner in Fällen von Diskriminierung zur
Verfügung zu stehen. |
|
Verschiedene Ereignisse während der Kampagne Liebe verdient Respekt zeigen die Notwendigkeit einer solchen internen Öffentlichkeitsarbeit. So erhielt ich Briefe von Kollegen, die völliges Unverständnis für diese Aktion Ihrer Polizei zeigten. Plakate mit dem Slogan Liebe verdient Respekt wurden in verschiedene Dienststellen beschmiert oder abgerissen. Noch gravierender ist in meinen Augen die Tatsache, dass einzelne Führungskräfte von vornherein das Aufhängen der entsprechenden Plakate verhinderten. 45.000 Mitarbeiter einer Organisation, die im Umgang mit der Homosexualität eine katastrophale Historie hat, kann man nicht in wenigen Monaten oder Jahren in ihrer Einstellung grundlegend verändern. Solche Veränderungen bedürfen manchmal eine Generation. Sie können auch nur dann erfolgreich sein, wenn die Berufsanfänger von Anfang an bei ihrer Ausbildung mit dem Thema konfrontiert werden und die dort vermittelten Inhalte tatsächlich zum Bestandteil ihres Wertesystems werden, das ihr späteres Berufsleben und ihr Handeln prägt. Aus diesem Grund freue ich mich, dass es uns gelungen ist die Problematik gleichgeschlechtlicher Lebensformen wie auch das Problem antischwuler Gewalt in den Lehrplänen der Polizeiausbildungsinstitute zu implementieren. Auch die Fortbildungsinstitute der Polizei in Münster und Neuss haben die Thematik aufgegriffen. Ich freue mich darüber und möchte mich an dieser Stelle herzlich dafür bedanken, dass sowohl die Arbeitsgemeinschaft lesbischer und schwuler Polizeibeamter als auch der Lesben- und Schwulenverband Deutschland diese Bemühungen so engagiert unterstützt haben. Wenn es auch heute noch Aktionen von
Kreispolizeibehörden oder einzelnen Dienststellen gibt,
die diesen Fortbildungsinhalten zuwiderlaufen, so ist dies
in meinen Augen kein grundsätzlicher Widerspruch,
sondern bestätigt lediglich die Einschätzung, dass
entsprechende Veränderungen Zeit brauchen. |
|
Neben der Öffentlichkeitsarbeit nach innen hat das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen, wie zwischenzeitlich auch einige Kreispolizeibehörden, eine enge Zusammenarbeit mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) und dem Arbeitskreis lesbischer und schwuler Polizeibediensteter NRW e.V. (AlsPol) begonnen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die aus meiner Sicht sehr erfolgreiche Kampagne Liebe verdient Respekt. Sie begann mit einer sehr öffentlichkeitswirksamen Großflächenplakataktion. Eine vergleichbare Resonanz in den Medien auf eine Werbemaßnahme der Polizei hat es weder vorher noch bis heute gegeben. Die Medienbeiträge setzten sich überwiegend mit der Frage auseinander, ob denn die 300.000 DM, die von Landesregierung für die Kampagne zur Verfügung gestellt worden sind, für die Bekämpfung des richtigen Deliktes ausgegeben würden. Es ging in der Öffentlichkeit immer wieder um die Frage, und ich überspitze hier bewusst, ob denn das freiwillige Schwulsein nicht das Einverständnis zum Opferwerden impliziert, beziehungsweise ob denn der Staat dieses unmoralische Treiben mit einer solchen beachtlichen Summe unterstützen solle. Auch wenn die medialen Reaktionen befremdlich waren, forderten sie doch entsprechende öffentliche Gegenreaktionen heraus. Diese öffentliche Diskussion, die auch den Medienkonsumenten zur Reflexion seiner eigenen Einstellungen anregen kann und oft zur Diskussion in seinem sozialen Nahfeld führt, ist für mich der größte Erfolg, der mit einer solchen Plakataktion erreicht werden kann. Aus meinem eigenen Bekanntenkreis weiß ich, dass diese Plakataktion vielen Kölnern noch nach Jahren als polizeiuntypisches, aber sehr positives Produkt in Erinnerung ist. Die Plakataktion wandte sich mit dem
hochgesteckten Ziel der Einstellungsänderung an die
breite Öffentlichkeit, also an potentielle Zeugen und
Helfer. Sie wandte sich ebenso an potentielle Täter.
Ihnen sollte deutlich gemacht werden, dass ihre Straftaten
nicht lächelnd von der Polizei toleriert oder nur pro
forma leicht sanktioniert würden. |
|
Die Großflächenplakate wurden durch weitere Plakate und Faltblätter ergänzt, die sich an potentielle Opfer wandten. Auf diesen Faltblättern warb die Polizei für eine erhöhte Anzeigebereitschaft oder zumindest für die Inanspruchnahme der eingerichteten Schwulen Überfalltelefone. Die Plakate wurden unterstützt durch sinnvolle Give-Aways, wie Schlüsselanhänger, Streichhölzer usw., die die veränderte Haltung der Polizei zur Szene verdeutlichen sollten. Neben diesen eher massenkommunikativ
ausgerichteten Maßnahmen schaffte das
Landeskriminalamt einen Transporter mit Anhänger an,
der den Kreispolizeibehörden als mobile Informations-
und Beratungsstelle dienen sollte. Dieses sogenannte
Infomobil oder auch "Schwulenmobil" kann von jeder
Kreispolizeibehörde kostenlos angefordert werden und
ist zwischenzeitlich circa 200 Mal zum Einsatz gekommen.
Überwiegend wird es mit Vertretern der örtlichen
Kommissariate Vorbeugung, des LSVD und AlsPol besetzt und an
Szenetreffpunkten, wie Lokalen, Cruising-Areas aber auch in
Fußgängerzonen, Bahnhofsvorplätzen und bei
Veranstaltungen der Schwulenbewegung wie dem
Christopher-Street-Day eingesetzt. Gerade die Mitarbeit von
Vertretern des AlsPol beim Einsatz des Infomobil erwies sich
als hilfreich. Sie fanden bei potentiellen Opfern als eine
Art Bindeglied zwischen Polizei und Szene eine hohe
Akzeptanz. Dies traf insbesondere bei älteren
homosexuellen Männern zu, die möglicherweise auf
Grund ihrer persönlichen Erfahrungen mit der Polizei,
ihren Einstellungen und Handlungsstrategien zum Thema
Homosexualität mißtrauen. Diese Zielgruppe konnte
durch die Anwesenheit von Vertretern des AlsPol zu
Gesprächen gewonnen werden, die zum Abbau bestehender
Schranken beitragen können. Auch bei diesem
Präventionsansatz wird eine doppelte Zielrichtung
verfolgt. Das Infomobil ist ein eindeutiges Signal an
potentielle Täter mit der bereits erläuterten
Zielrichtung und soll gleichzeitig die Einstellungen
potentieller Opfer zur Polizei ändern. |
|
Neben Einstellungsfragen der Polizei zur Homosexualität sind solche Einstellungsfragen lesbischer und schwuler Menschen zur Polizei aus meiner Sicht mit das größte Problem. Die Einstellungen entscheiden über die Bereitschaft zur Anzeigenerstattung. Die wenigen und vermutlich auch nicht repräsentativen Dunkelfeldforschungen gehen von einer Viktimisierungsquote, bezogen auf alle Deliktsformen mit antischwulem Hintergrund, von ca. 3 Prozent pro Jahr aus. Bei einem geschätzten Anteil von ca. 4 Prozent von Schwulen und Lesben an der Gesamtbevölkerung würde dies für Nordrhein-Westfalen ca. 17.000 Straftaten mit antischwulem Hintergrund bedeuten. Die Frage, wieviele dieser Straftaten angezeigt wurden, kann niemand beantworten. Die Frage der sexuellen Disposition ist kein statistisches Erfassungsmerkmal. Darüber hinaus wird diese Frage von den Opfern bei der Anzeigenerstattung bewusst ausgeklammert. Die Größe eines Dunkelfeldes kann somit mit Hilfe der polizeilichen Kriminalstatistik nicht annähernd quantifiziert werden. Aus meiner persönlichen Erfahrung
weiß ich speziell für den Raubbereich, dass nur
ein geringer Prozentsatz von Straftaten angezeigt wird. Wenn
es gelungen war, eine zumeist jugendliche Tätergruppe
zu identifizieren und zu entsprechenden Aussagen zu bewegen,
wurden vielfach bis zu 100 Straftaten über die Angaben
der Täter bekannt. Oft fanden sich nicht einmal
für ein Zehntel dieser Straftaten entsprechende
Anzeigen der Opfer. Ohne Anzeigen und entsprechende
staatliche Reaktionen werden Täter auch weiterhin in
ihrer Auffassung gestärkt, lesbische Frauen oder
schwule Männer seien "dankbare Opfer", die
grundsätzlich vor Anzeigen zurückschrecken. Ohne
eine Veränderung der Anzeigebereitschaft wird auch das
Bewusstsein, insbesondere männlicher Jugendlicher,
nicht verändert, ungestraft gegen Normen
verstoßen zu dürfen. Vielfach handelt es sich
hier um Jugendliche, deren eigene Erziehung von
Gewalterfahrung und einem dominanten, machohaften Vaterbild
geprägt ist. Vielfach kommen unterschiedliche
soziokulturelle Hintergründe hinzu. Aus Richtung der
Familien dürften daher kaum
Veränderunganstöße zu erwarten sein.
Veränderungen müssen von Seiten der Opfer kommen.
Nur sie können die Anfangsinitiative zur
Strafverfolgung in Form der Strafanzeige ergreifen. |
|
Das Bemühen, die Anzeigebereitschaft der Opfer zu erhöhen, wird auch bei den Radiospots deutlich, die das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen produziert hat. Auch bei der Erstellung dieser Spots wurde mit Vertretern des LSVD zusammengearbeitet. Die Radiospots sollen die örtlichen Aktionen der Kreispolizeibehörden ankündigen bzw. begleiten. Die Kooperation zwischen dem LSVD, dem
AlsPol, den Kreispolizeibehörden und dem
Landeskriminalamt bewerte ich als vorbildlich. Die
Zusammenarbeit ist von Vertrauen und gegenseitiger
Wertschätzung geprägt. Die Zusammenarbeit ist
Bestandteil der gesamten Präventionskampagne. Alle in
diesem Zusammenhang erstellten Präventionsmaterialien
inklusive der Plakate haben einen deutlich sichtbaren
Hinweis, dass es sich um eine Kooperation zwischen den
genannten Institutionen handelt. Der Polizeistern mit dem
Landeswappen findet sich neben dem Logo des Lesben- und
Schwulenverbandes Deutschland. Dies allein ist meines
Erachtens die deutlichste Botschaft der Polizei, das
Phänomen der antischwulen Gewalt ernsthaft angehen zu
wollen. Sie wirkt innerhalb der Polizei ebenso als Signal
wie in Richtung potentieller Opfer und potentieller
Täter. Die Botschaft, die sich aus dieser
demonstrativen Kooperation ergibt, korrespondiert mit der
polizeiliche Bereitschaft, auch gemeinsam mit
Schwulenverbänden bei öffentlichkeitswirksamen
Veranstaltungen aufzutreten. Eine Podiumsdiskussion im
Schwulen- und Lesbenzentrum Köln, kurz SCHULZ genannt,
mit Beteiligung des damaligen Polizeipräsidenten Herrn
Roters, des höchsten Polizeibeamten in Köln Herrn
Granitzka, und eines Vertreters des Landeskriminalamts,
wäre in den 70er Jahren kaum denkbar gewesen. An
solchen Veranstaltungen wird deutlich, dass sich bereits
eine Menge verändert hat. |
|
Ich möchte noch einmal auf die
Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für
gleichgeschlechtliche Lebensweisen in verschiedenen
Kreispolizeibehörden zu sprechen kommen. Ich hatte sie
bereits im ersten Teil meines Vortrags als Ansprechpartner
für die Probleme lesbischer und schwuler Polizeibeamter
vorgestellt. Neben dieser Aufgabe sollen sie als Bindeglied
zwischen Polizei und der örtlichen Szene fungieren. In
diesem Zusammenhang sind sie auch Ansprechstelle für
Interessenverbände und Netzwerke. Ihnen obliegt es,
einerseits polizeiliche Aktivitäten in der Szene
transparent zu machen und andererseits polizeilich
relevante, szenespezifische Informationen zu sammeln. Aus
diesen Informationen sollen sie wiederum
Präventionsaktivitäten entwickeln, wie zum
Beispiel den Einsatz des Infomobils, die Einrichtung von
Notrufsäulen in Cruising Areas oder Runder Tische unter
Einbeziehung von Szenegastwirten und örtlichen
Hilfsorganisationen. Es geht dabei nicht um die Sammlung
personenbezogener Daten. Jedoch sollte die Polizei, z.B.
anonymisiert, Erkenntnisse aus dem Schwulen
Überfalltelefon erhalten, um auf Veränderung des
Kriminalitätslagebildes, das sich nicht sofort in dem
Anzeigenaufkommen niederschlagen muss, reagieren zu
können. In diesem Punkt liegt noch ein hohes
Verbesserungspotential. Die Ansprechpartner für
gleichgeschlechtliche Lebensweisen übernehmen somit
eine wichtige Mittlerfunktion. Sie sind überwiegend in
Städten mit einer ausgeprägten Szene installiert.
So gibt es solche Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner
in Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Krefeld,
und Münster. In anderen Städten wurden
zwischenzeitlich sogenannte Opferschutzbeauftragte
installiert. Sie haben grundsätzlich die Aufgabe die
Belange von Kriminalitätsopfern wahrzunehmen,
entsprechende Personen auf Hilfsangebote aufmerksam zu
machen und bei der Vermittlung behilflich zu sein. Gestern
und heute findet gerade eine Tagung der
Opferschutzbeauftragten in Neuss statt. Dort soll ein
verbindlicher Aufgabenkatalog für
Opferschutzbeauftragte entwickelt werden. Teil dieses
Aufgabenkatalogs wird sein, die Aufgaben eines
Ansprechpartners für gleichgeschlechtliche Lebensweisen
in den Behörden wahrzunehmen, wo die Aufgabe nicht als
eigenständige Funktion ausgeworfen sind. |
|
Resümierend möchte ich feststellen, dass sich innerhalb der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen im Laufe der letzten fünf Jahre das Problembewusstsein für das Phänomen der antischwulen Gewalt sehr stark verändert hat. Die Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen dürfte mit ihren Aktivitäten führend bei der Bekämpfung dieses Deliktsbereiches sein. Ich selber bin Mitglied der bundesweiten "Kommission Polizeiliche Kriminalprävention" und bekomme über dieses Gremium einen Überblick über die polizeilichen Themen im Bereich der Kriminalprävention. Vergleichbare Aktivitäten finden sich meines Wissens in keinem anderen Bundesland, außer Berlin. Berlin hat schon zu einem früheren Zeitpunkt das Problem aktiv aufgegriffen. Jedoch sind nach meiner Einschätzung die Rahmenbedingungen, ein schwieriges Thema zentral aufzugreifen, in einem Stadtstaat wie Berlin ungleich günstiger. In einem Flächenstaat wie Nordrhein-Westfalen bedarf es intensiver Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen, 50 sehr eigenständige Kreispolizeibehörden von der Wichtigkeit und Richtigkeit einer Kursänderung zu überzeugen. Diese Veränderung ist mit einer deutlichen Außenwirkung in Richtung potentieller Täter, potentieller Opfer und Öffentlichkeit verbunden. Wir erhoffen uns einen Wirkungszusammenhang zwischen den beschriebenen Veränderungen und der Zahl der begangenen Straftaten mit antischwulem Hintergrund. Messen können wir solche Veränderungen nicht. Ich sagte schon, dass die sexuelle
Disposition des Anzeigenerstatters bzw. des Opfers kein
statistisches Erfassungskriterium ist. Selbst wenn sie es
sein sollte, wäre es unwahrscheinlich, dass die
überwiegende Zahl der Opfer zum Hintergrund der
Straftat wahrheitsgemäße Angaben machen
würde. Die Angst vor Diskriminierung und unangenehmen
Fragen steht dem nachvollziehbar entgegen. Insofern halte
ich auch die Forderung nach Erfassung entsprechender
Straftaten für nicht sinnvoll, so nachvollziehbar das
Anliegen ist, endlich einmal verifizierbare Daten für
ein Kriminalitätslagebild zur antischwulen Gewalt zu
erhalten. Unabhängig von verfassungsrechtlichen Fragen,
deren Beurteilung außerhalb meiner fachlichen
Kompetenz liegt, würde die Erfassung der sexuellen
Disposition ein falsches Signal in Richtung polizeilicher
Ermittler senden. Ich vermute, dass die Opfervernehmung in
vielen Fällen ein anderes Schwergewicht bekommen und
damit die bisherigen Bemühungen, die Interessen der
Opfer stärker zu berücksichtigen, konterkarieren
würde. Dieser Gefahr stünde letztendlich aber
keine wirkliche Verbesserung entgegen, also immer noch kein
verifizierbares Lagebild. |
|
Bisher sprach ich von den polizeilichen Aktivitäten, das Thema der antischwulen Gewalt aufzugreifen und das Phänomen zu bekämpfen. Die Polizei versteht sich aber nur als einen Teil innerhalb des gesellschaftlichen Gesamtgefüges. Nach dem Selbstverständnis, das die Polizei in den "Leitlinien Polizeiliche Kriminalprävention"2) bundesweit verbindlich definiert hat, soll sie die Kriminalitätslage analysieren, auf Gefahren aufmerksam machen, Veränderungsnotwendigkeiten aufzeigen und an ihnen mitwirken. Sie trägt somit nur einen Teil zur gesamtgesellschaftlichen Kriminalprävention bei. Insofern sind die polizeilichen
Aktivitäten nicht isoliert zu betrachten. Sie stehen im
Kontext eines gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf
Einstellung zur Homosexualität und damit auch zu Lesben
und Schwulen. Homosexualität ist heute kein Tabuthema
mehr. Die Tatsache, lesbisch oder schwul zu sein, bedeutet
nicht mehr automatisch den Ausschluss vom gesellschaftlichen
Leben, von beruflichen Karrieren oder die Abkehr des
sozialen Umfelds. Homosexualität ist heute
gesellschaftlich etablierter denn je. Ich sage ganz bewusst
nicht, dass sie etabliert ist. Sicherlich gibt es auch heute
in Einzelfällen oder auch in einzelnen Bereichen noch
Benachteiligungen, die aus präventiver Sicht
überholt scheinen und kontraproduktiv wirken
dürften. Das aktuell vom Bundesverteidigungsminister
bestätigte Verbot für Homosexuelle,
Führungsfunktionen in der Bundeswehr zu
übernehmen, ist aus meiner persönlichen Sicht
eines dieser Relikte. Nach meiner Einschätzung ist es
eine Frage der Zeit, wann es fällt. Auf der anderen
Seite sind Schwule und Lesben in bestimmten Berufssparten
sehr stark vertreten. Gerade im Bereich der Medien sind
Schwule und Lesben außerordentlich präsent und
tragen mit dieser Präsenz sehr stark zur
Veränderung der öffentlichen Meinung bei.
Betrachtet man z.B. gerade die von Jugendlichen mit Vorliebe
konsumierten Soap-Operas, so findet sich kaum eine Serie, in
dem nicht ein schwules oder lesbisches Paar eine Rolle
spielt oder in der bisexuelles Verhalten dargestellt wird.
Ich bin sicherlich kein Freund solcher Serien und billige
ihnen auch nicht den Anspruch zu, Werterziehung betreiben zu
wollen. Gleichwohl verspreche ich mir persönlich von
diesen Serien mit den größten Erfolg,
insbesondere in Bezug auf die Veränderung der
Einstellung bei der Zielgruppe potentieller Täter.
Diese Zielgruppe ist regelmäßig nicht ideologisch
geprägt. Es handelt sich meistens um männliche
Jugendliche, die sich oder anderen ihr Männlichkeit,
ihr Macho und ihre Größe durch den Angriff auf
alles beweisen wollen, was anders ist, was nicht ihren
Idealvorstellung entspricht. Viele von ihnen lieben
Soap-Operas, auch wenn sie es öffentlich nicht zugeben
würden. Ich habe die Reaktion von Jugendlichen im
Rahmen von Anti-Drogen-Disco-Veranstaltungen gesehen, wenn
die Stars solcher Serien live auf der Bühne erscheinen.
Sie geraten schlicht außer Rand und Band. Ich bin
davon überzeugt, dass eine Soap-Opera auf Dauer zu mehr
Veränderungen bei Jugendlichen führt, als dies
eine polizeiliche Message überhaupt kann. Leider wird
über Soap-Operas nicht nur die Message verbreitet, dass
Homosexualität ein Stück der normalen
Lebensvielfalt darstellt, es wird natürlich auch eine
Lebenswirklichkeit vermittelt, die für die meisten
Konsumenten nie erreichbar sein wird. Welche Auswirkungen
auf Dauer diese Diskrepanz zwischen Scheinwelt und
Realität haben wird, kann niemand seriös
beurteilen. |
|
Auch wenn ich Soap-Operas nicht als
kriminalpräventive Aktivitäten definieren
würde, so sind ihre Wirkungen doch
kriminalpräventiv einzuordnen. Andere
kriminalpräventive Aktivitäten wie
Gesetzesvorstöße z. B. von Bündnis 90/ Die
GRÜNEN zur Schaffung der gesetzlichen Grundlagen
für gleichgeschlechtliche Ehen und der
öffentlichen Problematisierung von klassischen
Diskriminierungssituationen für Lesben und Schwule sind
Beiträge, die zu einem anderen Selbstverständnis
der Gesellschaft im Umgang mit Lesben und Schwulen
führen. Sie sind die Grundlagenarbeit, die mittel- bis
langfristig zum Abbau des Problems der antischwulen Gewalt
führen wird. |
|
URL: http://www.lsvd.de/polizei/kooperation.html Letztes Update: 20. April 2000 home |