Kooperationsmodelle zur Prävention antischwuler Gewalt

Georg Kriener, Kriminaloberrat, Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen

Ich bin seit 27 Jahren Polizeibeamter und habe diesen Beruf von der Pieke auf gelernt. Meinen Dienst begann ich als Streifenbeamter in Köln-Kalk. Nach Abschluss meines Fachhochschulstudiums war ich in den 80er Jahren als Ermittler von Raubstrafverfahren in Köln tätig. Anschließend habe ich in Bonn im Bereich der Todesermittlungen gearbeitet. Vor neun Jahren beendete ich meine Ausbildung zum höheren Dienst und arbeite seither in verschiedenen Führungsfunktionen.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich an den Anfang meines Referates meine Vita stelle, zumal sie so spektakulär nicht ist. Sie soll einfach der Background meiner folgenden Aussagen sein.

Während ich in meiner Zeit als Streifenbeamter und insbesondere als Ermittler von Raubdelikten immer wieder mit Straftaten gegen Homosexuelle konfrontiert wurde , war für mich das Thema Schwule in der Polizei überhaupt nicht existent. Diskriminierungen in diesem Bereich habe ich bewusst nie erlebt, da ich nicht einen Kollegen kannte, der angab oder "im Verdacht stand", schwul zu sein. Vermutlich war auch ich Bestandteil eines subtilen Systems der Diskriminierung, ohne mir dessen bewusst zu sein. Heterosexualität war normal mit allen ihren Erscheinungsformen, die auch Gegenstand der kollegialen Gespräche am Rande des Dienstes waren. Das Thema Freundin, Ehe, Kinder, Erlebnisse in der Disco usw. wurde nach einem Wochenende offen, laut und zum Teil angeberisch diskutiert und besprochen. Das war für mich normaler Alltag. Die Vorstellung, dass einer meiner Kollegen - Kolleginnen gab es damals im Streifendienst noch nicht - mit all diesen Erlebnissen nichts anfangen konnte, möglicherweise unangenehm davon berührt war, kam mir damals überhaupt nicht in den Sinn. Ich kann auch heute, also im Nachhinein nicht sagen, ob einer meiner damaligen Kollegen auf Grund seiner versteckten Homosexualität unangenehm berührt war. Statistisch gesehen ist dies sehr wahrscheinlich.
 

Damit sind wir mitten in meinem Thema. Die Freiheit, im eigenen Arbeitsumfeld über die eigene sexuelle Disposition ungestraft reden zu dürfen, von einer schönen Fete mit dem gleichgeschlechtlichen Freund oder von Beziehungsproblemen mit der gleichgeschlechtlichten Freundin ebenso erzählen zu können wie von der Ehefrau oder den Kindern, ist die minimale Voraussetzung für eine Organisation oder Institution, die glaubwürdig einen Beitrag zum Thema der antischwulen Gewalt beitragen möchte. Die Arbeitsgemeinschaft lesbischer und schwuler Polizeibeamter ist nicht etwa ein Beleg für ein entsprechendes Klima in der Organisation Polizei, sondern nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Lesbische oder schwule Kollegen sind hier nicht das Problem. Die Intoleranz geht ausschließlich von heterosexuellen Kollegen aus, die ihre sexuelle Disposition unter Berufung auf Werte wie Moral, Ethik, Religion und Menschenwürde als die einzig mögliche und akzeptable ansehen. Prävention bedeutet in diesem Fall nicht in erster Linie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen oder Vereinen, sondern die Arbeit in der eigenen Organisation, mit dem Ziel das gewünschte und erforderliche Klima der Toleranz in dem jeweiligen Arbeitsumfeld zu schaffen. Kenneth Galbraith, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Deutschland, hat in seinem Buch "Anatomie der Macht" den Wirkungszusammenhang beschrieben, der zwischen der Erfahrung eines Angehörigen einer Organisation bezüglich der Frage besteht, wie die Organisation mit ihm oder anderen Organisationsangehörigen umgeht und dem eigenen Verhalten im Umgang mit Personen außerhalb der Organisation. Je rigider eine Organisation geführt wird, desto größer ist die Gefahr, dass die Organisationsangehörigen analog mit Personen außerhalb der Organisation umgehen.

Dies ist auf viele Lebensbereiche übertragbar. Kommen wir nicht zu einem toleranten - vielleicht noch besser zu einem selbstverständlichen Umgang mit lesbischen und schwulen Kollegen - können wir nicht erwarten, dass die Message der Toleranz glaubwürdig dem Bürger unseres Landes vermittelt werden kann.

Mit der Arbeit in der eigenen Organisation haben wir begonnen. Neben Dienstbesprechungen auf den unterschiedlichsten hierarchischen Ebenen wurden in verschiedenen Behörden Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensformen benannt, die unter anderem die Aufgabe haben, auch lesbische oder schwule Polizeibeamte in Problemlagen zu unterstützen und ihnen als Ansprechpartner in Fällen von Diskriminierung zur Verfügung zu stehen.
 

Verschiedene Ereignisse während der Kampagne Liebe verdient Respekt zeigen die Notwendigkeit einer solchen internen Öffentlichkeitsarbeit. So erhielt ich Briefe von Kollegen, die völliges Unverständnis für diese Aktion Ihrer Polizei zeigten. Plakate mit dem Slogan Liebe verdient Respekt wurden in verschiedene Dienststellen beschmiert oder abgerissen. Noch gravierender ist in meinen Augen die Tatsache, dass einzelne Führungskräfte von vornherein das Aufhängen der entsprechenden Plakate verhinderten.

45.000 Mitarbeiter einer Organisation, die im Umgang mit der Homosexualität eine katastrophale Historie hat, kann man nicht in wenigen Monaten oder Jahren in ihrer Einstellung grundlegend verändern. Solche Veränderungen bedürfen manchmal eine Generation. Sie können auch nur dann erfolgreich sein, wenn die Berufsanfänger von Anfang an bei ihrer Ausbildung mit dem Thema konfrontiert werden und die dort vermittelten Inhalte tatsächlich zum Bestandteil ihres Wertesystems werden, das ihr späteres Berufsleben und ihr Handeln prägt. Aus diesem Grund freue ich mich, dass es uns gelungen ist die Problematik gleichgeschlechtlicher Lebensformen wie auch das Problem antischwuler Gewalt in den Lehrplänen der Polizeiausbildungsinstitute zu implementieren. Auch die Fortbildungsinstitute der Polizei in Münster und Neuss haben die Thematik aufgegriffen. Ich freue mich darüber und möchte mich an dieser Stelle herzlich dafür bedanken, dass sowohl die Arbeitsgemeinschaft lesbischer und schwuler Polizeibeamter als auch der Lesben- und Schwulenverband Deutschland diese Bemühungen so engagiert unterstützt haben.

Wenn es auch heute noch Aktionen von Kreispolizeibehörden oder einzelnen Dienststellen gibt, die diesen Fortbildungsinhalten zuwiderlaufen, so ist dies in meinen Augen kein grundsätzlicher Widerspruch, sondern bestätigt lediglich die Einschätzung, dass entsprechende Veränderungen Zeit brauchen.
 

Neben der Öffentlichkeitsarbeit nach innen hat das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen, wie zwischenzeitlich auch einige Kreispolizeibehörden, eine enge Zusammenarbeit mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) und dem Arbeitskreis lesbischer und schwuler Polizeibediensteter NRW e.V. (AlsPol) begonnen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die aus meiner Sicht sehr erfolgreiche Kampagne Liebe verdient Respekt. Sie begann mit einer sehr öffentlichkeitswirksamen Großflächenplakataktion. Eine vergleichbare Resonanz in den Medien auf eine Werbemaßnahme der Polizei hat es weder vorher noch bis heute gegeben. Die Medienbeiträge setzten sich überwiegend mit der Frage auseinander, ob denn die 300.000 DM, die von Landesregierung für die Kampagne zur Verfügung gestellt worden sind, für die Bekämpfung des richtigen Deliktes ausgegeben würden. Es ging in der Öffentlichkeit immer wieder um die Frage, und ich überspitze hier bewusst, ob denn das freiwillige Schwulsein nicht das Einverständnis zum Opferwerden impliziert, beziehungsweise ob denn der Staat dieses unmoralische Treiben mit einer solchen beachtlichen Summe unterstützen solle. Auch wenn die medialen Reaktionen befremdlich waren, forderten sie doch entsprechende öffentliche Gegenreaktionen heraus. Diese öffentliche Diskussion, die auch den Medienkonsumenten zur Reflexion seiner eigenen Einstellungen anregen kann und oft zur Diskussion in seinem sozialen Nahfeld führt, ist für mich der größte Erfolg, der mit einer solchen Plakataktion erreicht werden kann. Aus meinem eigenen Bekanntenkreis weiß ich, dass diese Plakataktion vielen Kölnern noch nach Jahren als polizeiuntypisches, aber sehr positives Produkt in Erinnerung ist.

Die Plakataktion wandte sich mit dem hochgesteckten Ziel der Einstellungsänderung an die breite Öffentlichkeit, also an potentielle Zeugen und Helfer. Sie wandte sich ebenso an potentielle Täter. Ihnen sollte deutlich gemacht werden, dass ihre Straftaten nicht lächelnd von der Polizei toleriert oder nur pro forma leicht sanktioniert würden.
 

Die Großflächenplakate wurden durch weitere Plakate und Faltblätter ergänzt, die sich an potentielle Opfer wandten. Auf diesen Faltblättern warb die Polizei für eine erhöhte Anzeigebereitschaft oder zumindest für die Inanspruchnahme der eingerichteten Schwulen Überfalltelefone. Die Plakate wurden unterstützt durch sinnvolle Give-Aways, wie Schlüsselanhänger, Streichhölzer usw., die die veränderte Haltung der Polizei zur Szene verdeutlichen sollten.

Neben diesen eher massenkommunikativ ausgerichteten Maßnahmen schaffte das Landeskriminalamt einen Transporter mit Anhänger an, der den Kreispolizeibehörden als mobile Informations- und Beratungsstelle dienen sollte. Dieses sogenannte Infomobil oder auch "Schwulenmobil" kann von jeder Kreispolizeibehörde kostenlos angefordert werden und ist zwischenzeitlich circa 200 Mal zum Einsatz gekommen. Überwiegend wird es mit Vertretern der örtlichen Kommissariate Vorbeugung, des LSVD und AlsPol besetzt und an Szenetreffpunkten, wie Lokalen, Cruising-Areas aber auch in Fußgängerzonen, Bahnhofsvorplätzen und bei Veranstaltungen der Schwulenbewegung wie dem Christopher-Street-Day eingesetzt. Gerade die Mitarbeit von Vertretern des AlsPol beim Einsatz des Infomobil erwies sich als hilfreich. Sie fanden bei potentiellen Opfern als eine Art Bindeglied zwischen Polizei und Szene eine hohe Akzeptanz. Dies traf insbesondere bei älteren homosexuellen Männern zu, die möglicherweise auf Grund ihrer persönlichen Erfahrungen mit der Polizei, ihren Einstellungen und Handlungsstrategien zum Thema Homosexualität mißtrauen. Diese Zielgruppe konnte durch die Anwesenheit von Vertretern des AlsPol zu Gesprächen gewonnen werden, die zum Abbau bestehender Schranken beitragen können. Auch bei diesem Präventionsansatz wird eine doppelte Zielrichtung verfolgt. Das Infomobil ist ein eindeutiges Signal an potentielle Täter mit der bereits erläuterten Zielrichtung und soll gleichzeitig die Einstellungen potentieller Opfer zur Polizei ändern.
 

Neben Einstellungsfragen der Polizei zur Homosexualität sind solche Einstellungsfragen lesbischer und schwuler Menschen zur Polizei aus meiner Sicht mit das größte Problem. Die Einstellungen entscheiden über die Bereitschaft zur Anzeigenerstattung. Die wenigen und vermutlich auch nicht repräsentativen Dunkelfeldforschungen gehen von einer Viktimisierungsquote, bezogen auf alle Deliktsformen mit antischwulem Hintergrund, von ca. 3 Prozent pro Jahr aus. Bei einem geschätzten Anteil von ca. 4 Prozent von Schwulen und Lesben an der Gesamtbevölkerung würde dies für Nordrhein-Westfalen ca. 17.000 Straftaten mit antischwulem Hintergrund bedeuten. Die Frage, wieviele dieser Straftaten angezeigt wurden, kann niemand beantworten. Die Frage der sexuellen Disposition ist kein statistisches Erfassungsmerkmal. Darüber hinaus wird diese Frage von den Opfern bei der Anzeigenerstattung bewusst ausgeklammert. Die Größe eines Dunkelfeldes kann somit mit Hilfe der polizeilichen Kriminalstatistik nicht annähernd quantifiziert werden.

Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich speziell für den Raubbereich, dass nur ein geringer Prozentsatz von Straftaten angezeigt wird. Wenn es gelungen war, eine zumeist jugendliche Tätergruppe zu identifizieren und zu entsprechenden Aussagen zu bewegen, wurden vielfach bis zu 100 Straftaten über die Angaben der Täter bekannt. Oft fanden sich nicht einmal für ein Zehntel dieser Straftaten entsprechende Anzeigen der Opfer. Ohne Anzeigen und entsprechende staatliche Reaktionen werden Täter auch weiterhin in ihrer Auffassung gestärkt, lesbische Frauen oder schwule Männer seien "dankbare Opfer", die grundsätzlich vor Anzeigen zurückschrecken. Ohne eine Veränderung der Anzeigebereitschaft wird auch das Bewusstsein, insbesondere männlicher Jugendlicher, nicht verändert, ungestraft gegen Normen verstoßen zu dürfen. Vielfach handelt es sich hier um Jugendliche, deren eigene Erziehung von Gewalterfahrung und einem dominanten, machohaften Vaterbild geprägt ist. Vielfach kommen unterschiedliche soziokulturelle Hintergründe hinzu. Aus Richtung der Familien dürften daher kaum Veränderunganstöße zu erwarten sein. Veränderungen müssen von Seiten der Opfer kommen. Nur sie können die Anfangsinitiative zur Strafverfolgung in Form der Strafanzeige ergreifen.
 

Das Bemühen, die Anzeigebereitschaft der Opfer zu erhöhen, wird auch bei den Radiospots deutlich, die das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen produziert hat. Auch bei der Erstellung dieser Spots wurde mit Vertretern des LSVD zusammengearbeitet. Die Radiospots sollen die örtlichen Aktionen der Kreispolizeibehörden ankündigen bzw. begleiten.

Die Kooperation zwischen dem LSVD, dem AlsPol, den Kreispolizeibehörden und dem Landeskriminalamt bewerte ich als vorbildlich. Die Zusammenarbeit ist von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Die Zusammenarbeit ist Bestandteil der gesamten Präventionskampagne. Alle in diesem Zusammenhang erstellten Präventionsmaterialien inklusive der Plakate haben einen deutlich sichtbaren Hinweis, dass es sich um eine Kooperation zwischen den genannten Institutionen handelt. Der Polizeistern mit dem Landeswappen findet sich neben dem Logo des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland. Dies allein ist meines Erachtens die deutlichste Botschaft der Polizei, das Phänomen der antischwulen Gewalt ernsthaft angehen zu wollen. Sie wirkt innerhalb der Polizei ebenso als Signal wie in Richtung potentieller Opfer und potentieller Täter. Die Botschaft, die sich aus dieser demonstrativen Kooperation ergibt, korrespondiert mit der polizeiliche Bereitschaft, auch gemeinsam mit Schwulenverbänden bei öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen aufzutreten. Eine Podiumsdiskussion im Schwulen- und Lesbenzentrum Köln, kurz SCHULZ genannt, mit Beteiligung des damaligen Polizeipräsidenten Herrn Roters, des höchsten Polizeibeamten in Köln Herrn Granitzka, und eines Vertreters des Landeskriminalamts, wäre in den 70er Jahren kaum denkbar gewesen. An solchen Veranstaltungen wird deutlich, dass sich bereits eine Menge verändert hat.
 

Ich möchte noch einmal auf die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in verschiedenen Kreispolizeibehörden zu sprechen kommen. Ich hatte sie bereits im ersten Teil meines Vortrags als Ansprechpartner für die Probleme lesbischer und schwuler Polizeibeamter vorgestellt. Neben dieser Aufgabe sollen sie als Bindeglied zwischen Polizei und der örtlichen Szene fungieren. In diesem Zusammenhang sind sie auch Ansprechstelle für Interessenverbände und Netzwerke. Ihnen obliegt es, einerseits polizeiliche Aktivitäten in der Szene transparent zu machen und andererseits polizeilich relevante, szenespezifische Informationen zu sammeln. Aus diesen Informationen sollen sie wiederum Präventionsaktivitäten entwickeln, wie zum Beispiel den Einsatz des Infomobils, die Einrichtung von Notrufsäulen in Cruising Areas oder Runder Tische unter Einbeziehung von Szenegastwirten und örtlichen Hilfsorganisationen. Es geht dabei nicht um die Sammlung personenbezogener Daten. Jedoch sollte die Polizei, z.B. anonymisiert, Erkenntnisse aus dem Schwulen Überfalltelefon erhalten, um auf Veränderung des Kriminalitätslagebildes, das sich nicht sofort in dem Anzeigenaufkommen niederschlagen muss, reagieren zu können. In diesem Punkt liegt noch ein hohes Verbesserungspotential. Die Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen übernehmen somit eine wichtige Mittlerfunktion. Sie sind überwiegend in Städten mit einer ausgeprägten Szene installiert. So gibt es solche Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner in Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Krefeld, und Münster. In anderen Städten wurden zwischenzeitlich sogenannte Opferschutzbeauftragte installiert. Sie haben grundsätzlich die Aufgabe die Belange von Kriminalitätsopfern wahrzunehmen, entsprechende Personen auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen und bei der Vermittlung behilflich zu sein. Gestern und heute findet gerade eine Tagung der Opferschutzbeauftragten in Neuss statt. Dort soll ein verbindlicher Aufgabenkatalog für Opferschutzbeauftragte entwickelt werden. Teil dieses Aufgabenkatalogs wird sein, die Aufgaben eines Ansprechpartners für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in den Behörden wahrzunehmen, wo die Aufgabe nicht als eigenständige Funktion ausgeworfen sind.
 

Resümierend möchte ich feststellen, dass sich innerhalb der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen im Laufe der letzten fünf Jahre das Problembewusstsein für das Phänomen der antischwulen Gewalt sehr stark verändert hat. Die Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen dürfte mit ihren Aktivitäten führend bei der Bekämpfung dieses Deliktsbereiches sein. Ich selber bin Mitglied der bundesweiten "Kommission Polizeiliche Kriminalprävention" und bekomme über dieses Gremium einen Überblick über die polizeilichen Themen im Bereich der Kriminalprävention. Vergleichbare Aktivitäten finden sich meines Wissens in keinem anderen Bundesland, außer Berlin. Berlin hat schon zu einem früheren Zeitpunkt das Problem aktiv aufgegriffen. Jedoch sind nach meiner Einschätzung die Rahmenbedingungen, ein schwieriges Thema zentral aufzugreifen, in einem Stadtstaat wie Berlin ungleich günstiger. In einem Flächenstaat wie Nordrhein-Westfalen bedarf es intensiver Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen, 50 sehr eigenständige Kreispolizeibehörden von der Wichtigkeit und Richtigkeit einer Kursänderung zu überzeugen.

Diese Veränderung ist mit einer deutlichen Außenwirkung in Richtung potentieller Täter, potentieller Opfer und Öffentlichkeit verbunden. Wir erhoffen uns einen Wirkungszusammenhang zwischen den beschriebenen Veränderungen und der Zahl der begangenen Straftaten mit antischwulem Hintergrund. Messen können wir solche Veränderungen nicht.

Ich sagte schon, dass die sexuelle Disposition des Anzeigenerstatters bzw. des Opfers kein statistisches Erfassungskriterium ist. Selbst wenn sie es sein sollte, wäre es unwahrscheinlich, dass die überwiegende Zahl der Opfer zum Hintergrund der Straftat wahrheitsgemäße Angaben machen würde. Die Angst vor Diskriminierung und unangenehmen Fragen steht dem nachvollziehbar entgegen. Insofern halte ich auch die Forderung nach Erfassung entsprechender Straftaten für nicht sinnvoll, so nachvollziehbar das Anliegen ist, endlich einmal verifizierbare Daten für ein Kriminalitätslagebild zur antischwulen Gewalt zu erhalten. Unabhängig von verfassungsrechtlichen Fragen, deren Beurteilung außerhalb meiner fachlichen Kompetenz liegt, würde die Erfassung der sexuellen Disposition ein falsches Signal in Richtung polizeilicher Ermittler senden. Ich vermute, dass die Opfervernehmung in vielen Fällen ein anderes Schwergewicht bekommen und damit die bisherigen Bemühungen, die Interessen der Opfer stärker zu berücksichtigen, konterkarieren würde. Dieser Gefahr stünde letztendlich aber keine wirkliche Verbesserung entgegen, also immer noch kein verifizierbares Lagebild.
 

Bisher sprach ich von den polizeilichen Aktivitäten, das Thema der antischwulen Gewalt aufzugreifen und das Phänomen zu bekämpfen. Die Polizei versteht sich aber nur als einen Teil innerhalb des gesellschaftlichen Gesamtgefüges. Nach dem Selbstverständnis, das die Polizei in den "Leitlinien Polizeiliche Kriminalprävention"2) bundesweit verbindlich definiert hat, soll sie die Kriminalitätslage analysieren, auf Gefahren aufmerksam machen, Veränderungsnotwendigkeiten aufzeigen und an ihnen mitwirken.

Sie trägt somit nur einen Teil zur gesamtgesellschaftlichen Kriminalprävention bei.

Insofern sind die polizeilichen Aktivitäten nicht isoliert zu betrachten. Sie stehen im Kontext eines gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf Einstellung zur Homosexualität und damit auch zu Lesben und Schwulen. Homosexualität ist heute kein Tabuthema mehr. Die Tatsache, lesbisch oder schwul zu sein, bedeutet nicht mehr automatisch den Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben, von beruflichen Karrieren oder die Abkehr des sozialen Umfelds. Homosexualität ist heute gesellschaftlich etablierter denn je. Ich sage ganz bewusst nicht, dass sie etabliert ist. Sicherlich gibt es auch heute in Einzelfällen oder auch in einzelnen Bereichen noch Benachteiligungen, die aus präventiver Sicht überholt scheinen und kontraproduktiv wirken dürften. Das aktuell vom Bundesverteidigungsminister bestätigte Verbot für Homosexuelle, Führungsfunktionen in der Bundeswehr zu übernehmen, ist aus meiner persönlichen Sicht eines dieser Relikte. Nach meiner Einschätzung ist es eine Frage der Zeit, wann es fällt. Auf der anderen Seite sind Schwule und Lesben in bestimmten Berufssparten sehr stark vertreten. Gerade im Bereich der Medien sind Schwule und Lesben außerordentlich präsent und tragen mit dieser Präsenz sehr stark zur Veränderung der öffentlichen Meinung bei. Betrachtet man z.B. gerade die von Jugendlichen mit Vorliebe konsumierten Soap-Operas, so findet sich kaum eine Serie, in dem nicht ein schwules oder lesbisches Paar eine Rolle spielt oder in der bisexuelles Verhalten dargestellt wird. Ich bin sicherlich kein Freund solcher Serien und billige ihnen auch nicht den Anspruch zu, Werterziehung betreiben zu wollen. Gleichwohl verspreche ich mir persönlich von diesen Serien mit den größten Erfolg, insbesondere in Bezug auf die Veränderung der Einstellung bei der Zielgruppe potentieller Täter. Diese Zielgruppe ist regelmäßig nicht ideologisch geprägt. Es handelt sich meistens um männliche Jugendliche, die sich oder anderen ihr Männlichkeit, ihr Macho und ihre Größe durch den Angriff auf alles beweisen wollen, was anders ist, was nicht ihren Idealvorstellung entspricht. Viele von ihnen lieben Soap-Operas, auch wenn sie es öffentlich nicht zugeben würden. Ich habe die Reaktion von Jugendlichen im Rahmen von Anti-Drogen-Disco-Veranstaltungen gesehen, wenn die Stars solcher Serien live auf der Bühne erscheinen. Sie geraten schlicht außer Rand und Band. Ich bin davon überzeugt, dass eine Soap-Opera auf Dauer zu mehr Veränderungen bei Jugendlichen führt, als dies eine polizeiliche Message überhaupt kann. Leider wird über Soap-Operas nicht nur die Message verbreitet, dass Homosexualität ein Stück der normalen Lebensvielfalt darstellt, es wird natürlich auch eine Lebenswirklichkeit vermittelt, die für die meisten Konsumenten nie erreichbar sein wird. Welche Auswirkungen auf Dauer diese Diskrepanz zwischen Scheinwelt und Realität haben wird, kann niemand seriös beurteilen.
 

Auch wenn ich Soap-Operas nicht als kriminalpräventive Aktivitäten definieren würde, so sind ihre Wirkungen doch kriminalpräventiv einzuordnen. Andere kriminalpräventive Aktivitäten wie Gesetzesvorstöße z. B. von Bündnis 90/ Die GRÜNEN zur Schaffung der gesetzlichen Grundlagen für gleichgeschlechtliche Ehen und der öffentlichen Problematisierung von klassischen Diskriminierungssituationen für Lesben und Schwule sind Beiträge, die zu einem anderen Selbstverständnis der Gesellschaft im Umgang mit Lesben und Schwulen führen. Sie sind die Grundlagenarbeit, die mittel- bis langfristig zum Abbau des Problems der antischwulen Gewalt führen wird.
Wir sind auf dem richtigen Weg. Lassen sie uns auch weiterhin nicht nur am selben Strang, sondern auch am selben Ende ziehen.

  1. Umlaufbeschluss des AK II vom 15.10.1998

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URL: http://www.lsvd.de/polizei/kooperation.html
Letztes Update: 20. April 2000
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